Wissenschaftler: Weg vom Standard «70-kg-Mann» beim Impfen
Beim Impfen und Medikation sollten Ärzte nach den Ergebnissen einer aktuellen Arbeit von Forschern der Uniklinik Jena stärker als bislang auf Alter und Geschlecht ihrer Patienten achten. Bei Impfempfehlungen beispielsweise wäre es aus seiner Sicht grundsätzlich sinnvoll, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, sagte der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene dieses Klinikums, Mathias Pletz, der Deutschen Presse-Agentur. Das könne zum Beispiel bedeuten, für Männer ab einem Alter von 50 Jahren eine Impfempfehlung zur Immunisierung gegen bestimmte Krankheiten auszusprechen, während es eine solche Empfehlung für Frauen erst ab einem Alter von 55 oder 60 Jahren gebe. «Das wäre für beide Geschlechter von Vorteil», sagte Pletz. Forscher in seinem Bereich hätten in einer Studie zeigen können, dass das Immunsystem von Frauen und Männern unterschiedlich schnell altere. Eine andere Möglichkeit auf diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu reagieren, könne sein, die Impfdosen anzupassen, sagte Pletz. Es sei in der Forschung seit längerem bekannt, dass Frauen oft stärkere Impfreaktionen zeigten als Männer. Dazu gehörten bei ihnen stärkere Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle oder auch eine stärkere Abgeschlagenheit infolge solcher Immunisierungen. Beide Optionen – entweder den Zeitpunkt der Gabe von medizinischen Substanzen oder deren Dosis anzupassen – gebe es auch dann, wenn Patienten infolge einer Erkrankung Medikamente bräuchten, sagte Pletz. Ihm zufolge sind die Mediziner bei der Behandlung von Krebspatienten auf dem Weg zu einer möglichst stark personalisierten Medizin bereits weit. In vielen anderen Bereichen dagegen werde noch zu oft von 70 Kilogramm schweren Männern als Normpatienten ausgegangen. «Bei der Sepsis bräuchten wir definitiv eine personalisierte Medizin», sagte Pletz. Eine solche umgangssprachlich als Blutvergiftung bekannte Krankheit entwickele sich oft innerhalb von Stunden. «Da fehlt uns schlichtweg die Zeit für Behandlungen, die nicht schnell anschlagen.» Bei einer Sepsis handelt es sich um die schwerste Form einer Infektion. Sie kann aus jeder Infektion entstehen und endet fast immer tödlich, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Für die aktuellen Forschungen der Uniklinik zum unterschiedlichen Altern des Immunsystems von Männern und Frauen haben Forscher um Pletz auf Daten zurückgegriffen, die sie während der Corona-Pandemie bei etwa 230 Männern und Frauen in Neustadt am Rennsteig erhoben hatten. Der Ort im Ilm-Kreis war zu Beginn der Pandemie im März 2020 von der Außenwelt abgeriegelt worden, nachdem dort mehrere Infektionen mit Sars-CoV-2 festgestellt worden waren. Daraufhin waren unter der Leitung von Pletz dort Daten gesammelt worden. Die aktuellen Forschungsergebnisse sind eine Art Nebenprodukt dieser Sammlung. Eine zentrale Erkenntnis dieser Forschungen ist, dass sich zumindest ein Teil des Immunsystems von Männern und Frauen über das gesamte Leben hinweg unterscheidet und auch unterschiedlich schnell altert. Eine für die körpereigene Abwehr besonders wichtige Art von sogenannten T-Zellen würden bei Männern schneller zurückgehen als bei Frauen, sagte Pletz. Männer seien deshalb im höheren Alter anfälliger gegenüber Infektionen und würden dann auch häufiger daran sterben als Frauen. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenDosis oder Zeitpunkt anpassen
Männer im Alter im Nachteil