Die «Königin des Herbstes» hält Hof in Thüringen
Wenn sich im Herbst das Gartenjahr dem Ende zuneigt, beginnt in Gera und Bad Köstritz der Höhepunkt einer Saison: Erst dann gelangt die Dahlie zur vollen Blüte. Dabei nährt die auch «Königin des Herbstes» genannte Zierpflanze schon seit langer Zeit eine reichhaltige Kultur vor allem im Osten des Bundeslands. Wie lebendig diese Tradition ist, zeigte sich etwa in den vergangenen Wochen: Anfang September wurde die Dahlie in Gera und Bad Köstritz jeweils ein ganzes Wochenende mit eigenen Festen gefeiert – mit hunderten Besuchern, viel Programm und der Wahl der Dahlienkönigin sowie der «Dahlie des Jahres». Auch außerhalb dieser Feierlichkeiten spielt die Dahlie in der Region eine große Rolle. Fast 2.000 Dahlien in etwa 100 Sorten sind jedes Jahr im Dahliengarten in Gera zu bewundern, erklärt Alexander Fröhlich, Abteilungsleiter Grünpflege der Stadt. Die genaue Anzahl variiere jedes Jahr abhängig vom Bepflanzungsplan. Entstanden war der Garten bereits 1928 und hat sowohl die Wirren des Krieges, die Wiedervereinigung sowie die finanziellen Probleme der Stadt überstanden. Somit gehört die Anlage in Gera der Stadtverwaltung zufolge mindestens zu den ältesten Dahlienschaugärten der Welt. Der 100. Geburtstag der Anlage soll dann 2028 gefeiert werden. Beliefert wird der Dahliengarten traditionell von den Züchtern aus Bad Köstritz, wo bereits 1826 unter Leitung des umtriebigen Gartenbaupioniers Christian Deegen die erste deutsche Handelsgärtnerei für Dahlien entstanden war. Der Boom der Gründungsjahre, in denen sich die Region als prägender Faktor der europäischen Gartenkultur entwickelt hatte, ist heute verklungen. Bis in die 1960er Jahre habe es in Köstritz noch mehr als 20 produzierende Gärtnereien gegeben, darunter drei mit dem Schwerpunkt Dahlienzucht, erklärt Dirk Panzer, Inhaber des Dahlienfachbetriebs Paul Panzer. Heute sei sein Familienbetrieb, der 2022 sein 150-jähriges Bestehen feiern konnte, der letzte auf Dahlien spezialisierte Betrieb in Thüringen. Von Bad Köstritz aus wird heute nicht nur der Geraer Dahliengarten beliefert. Unter anderem können Besucher auch im Erfurter Egapark die prächtigen Blumen aus Ostthüringen bewundern. Einer Sprecherin der Stadtwerke zufolge sind im Egapark aktuell 250 Sorten in 15 Klassen zu sehen. Darunter befinde sich auch die älteste noch im Handel befindliche deutsche Züchtung, die «Kaiser Wilhelm»-Dahlie aus dem Jahr 1881. Doch auch auf der Insel Mainau im Bodensee, im Frankfurter Palmengarten oder im Hamburger Volkspark seien Dahlien aus Bad Köstritz zu sehen, so Panzer. Wer Dahlien für den heimischen Garten sucht, kann dem Schaugarten der Familie Panzer mit rund 350 verschiedenen Sorten einen Besuch abstatten. Wer Genaueres über die Geschichte der Dahlie erfahren will, wird in Bad Köstritz ebenfalls fündig: Das 2007 als offizielles Begleitprojekt zur Bundesgartenschau eröffnete Dahlienzentrum richtet sich sowohl an interessierte Besucher als auch an wissenschaftliche Experten. Es beherbergt das «Deutsche Dahlien Archiv», ein Museum und einen eigenen Schaugarten, in dem auf etwa 400 Quadratmetern historische Dahliensorten und die ursprünglichen Naturarten angebaut werden. Ursprünglich war die Dahlie in Mexiko beheimatet und kann mit einer großen Vielfalt aufwarten: Die Formen reichen von der klassisch rundlichen Balldahlie bis hin zu den exotisch wirkenden Kaktus- und Hirschgeweihdahlien mit schmaleren Blütenblättern. Auch farblich gibt es kaum Einschränkungen: Außer der Farbe Blau, die die Dahlien Panzer zufolge genetisch nicht produzieren können, ist alles möglich. Weltweit sind dem Dahlien-Fachmann zufolge aktuell rund 30.000 Sorten registriert, davon existieren laut Schätzungen noch rund 10.000. Aktuelle Züchtungen zielten unter anderem darauf ab, die Dahlien auch in der Vase haltbarer zu machen. Dabei ist die Dahlie nicht nur hübsch anzusehen: Ihre Knollen sind auch zum Verzehr geeignet. Der Geschmack variiert je nach Sorte und ist am ehesten mit denen der Topinambur vergleichbar. Die Verarbeitung ist ähnlich wie bei der Kartoffel. Um diese Verwendung der Pflanze bekannter zu machen, hat die Familie Panzer sogar ein eigenes Dahlien-Rezeptbuch erstellt. Doch wie kam die Dahlie – die bis heute in manchen Regionen auch als Georgine bezeichnet wird – überhaupt nach Thüringen? Die erste schriftliche Erwähnung der Dahlie stammt aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. In Europa zunächst in Spanien kultiviert, habe der Naturforscher Alexander von Humboldt die Dahlie nach Deutschland gebracht, sagt Panzer. Mit der von Christian Deegen gegründeten Handelsgärtnerei und der Entstehung weiterer Gartenbaubetriebe in der Region wurde der Grundstein der hiesigen Dahlientradition gelegt. Im Jahr 2024 wurde die «Dahlientradition im Mittleren Elstertal» in das Thüringer Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Für die Dahlienzüchter werde das wirtschaftliche Überleben indes immer schwieriger, so Panzer. Da auch der Betrieb des Dahlienzentrums stark auf ehrenamtlichen Leistungen beruhe, sei die Zukunft derzeit nicht gesichert. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenGroßes Jubiläum steht 2028 an
Aus Thüringen in die Welt
Dahlien auch kulinarisch ein Genuss