Angesichts der hohen Energiepreise in Deutschland hat Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) eine neue Debatte über den Einsatz von Kernenergie angeregt - und erntet Widerspruch von einem Koalitionspartner. «Wenn ganz Europa künftig auf die Kernkraft als zuverlässige, grundlastfähige und emissionsarme Energiequelle setzt, kann Deutschland nicht weiter tatenlos zusehen, wie die Energiepreise weiter durch die Decke gehen», sagte Boos-John auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) habe zu Recht darauf verwiesen, dass der Ausstieg aus der Kernkraft vorschnell und ein strategischer Fehler gewesen sei.
Mit Blick auf das Abschalten der letzten deutschen Atommeiler vor drei Jahren sagte der Christdemokrat in Berlin: «Die Entscheidung war falsch. Sie zu korrigieren, wird keines der gegenwärtigen Energieversorgungsprobleme unseres Landes lösen.» Dies sei daher nur «eine Frage der längeren Perspektive». Die letzten drei Kernkraftwerke - Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 - waren Mitte April 2023 abgeschaltet worden.
Kritik von SPD und Grünen
Mit ihrem Vorstoß dringt Boos-John beim Thüringer Koalitionspartner SPD nicht vor. Der energiepolitische Sprecher der Thüringer SPD-Fraktion, Moritz Kalthoff, sagte, eine Rückkehr zur Kernkraft sei keine Antwort auf die energiepolitischen Fragen dieser Zeit. «Sie bindet Aufmerksamkeit, ohne eines der aktuellen Probleme tatsächlich zu lösen.» Ein Wiedereinstieg in die Atomkraft würde weder kurzfristig die Strompreise senken noch die Versorgungssicherheit erhöhen.
Notwendig seien stattdessen Investitionen in den Netzausbau, in Speicher und in den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien. «Wir brauchen jetzt Entscheidungen, die Versorgungssicherheit stärken und Energie bezahlbar halten», sagte Kalthoff. Es komme auf moderne Infrastruktur, schnellere Verfahren und einen verlässlichen Ausbau der Erneuerbaren an – «nicht auf Debatten über Technologien aus der Vergangenheit».
In Thüringen stellt eine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD die Landesregierung.
Thüringens Grünen-Landessprecher Luis Schäfer nannte eine Debatte über Kernkraft überflüssig und gefährlich, weil sie nötige Investitionen in erneuerbare Energien ausbremse. «Wer im Jahr 2026 ernsthaft den Wiedereinstieg in eine Technologie fordert, die teuer, riskant und gesellschaftlich längst überwunden ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt», sagte Schäfer.
Die Industrie- und Handelskammer Südthüringen hingegen begrüßt den Vorstoß der Ministerin. «Endlich machen sich in der Politik Zweifel am deutschen Sonderweg der Energiewende breit, der die Industrie sukzessive aus Deutschland vertreibt», sagte Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas. International wettbewerbsfähige Energiepreise seien entscheidend.