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Tausende Essstörungs-Diagnosen in Thüringen

Tausende Essstörungs-Diagnosen in Thüringen
Das Selbstwertgefühl spielt bei Essstörungen oft eine mitursächliche Rolle. (Symbolbild) / Foto: picture alliance / ZB
Von: DieThüringer News
Extrem dünne Superstars, Influencerinnen mit Abnehmtipps: Das Thema Essstörungen ist präsent. Wie ist die Lage in Thüringen und was steckt tatsächlich hinter den Zahlen?

Magersucht, Bulimie, Essattacken: In Thüringen hat es im vergangenen Jahr mehr als 10.000 Diagnosen von Essstörungen bei gesetzlich Versicherten gegeben. Das ist ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr mit 9.770 Diagnosen, wie Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) zeigen, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. 

Demnach wurden in Thüringer Praxen im vergangenen Jahr bei 8.357 gesetzlich Krankenversicherten verschiedene Formen und Unterformen von Essstörungen gesichert festgestellt. Ein Jahr zuvor lag die Zahl nach KV-Angaben bei 8.118 Patientinnen und Patienten. Die höhere Zahl der Diagnosen im Vergleich zu den Patienten kommt etwa dadurch zustande, dass Betroffene mehrere Diagnosen erhalten können. Nicht enthalten sind Angaben zu Privatversicherten, zu Erkrankten ohne offizielle Diagnosen und Betroffenen, die nur stationär – also in Kliniken – behandelt wurden.

Dagegen bewegt sich die Zahl der Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten Essstörung, die in Thüringer Krankenhäusern behandelt wurden, seit einigen Jahren auf einem ähnlichen Niveau, Tendenz leicht steigend: 259 Betroffene waren es laut Übersicht des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr; im Jahr davor 248 und noch ein Jahr zuvor 239.

Vor allem jüngere Frauen und Mädchen betroffen

Auffällig bei allen Zahlen: Auch wenn Jungen und junge Männer in den Statistiken auftauchen, sind deutlich am häufigsten Mädchen im Schulalter und junge Frauen unter den Betroffenen zu finden. 

Auch Diplom-Psychologe Uwe Berger bestätigt: Mädchen und Frauen seien öfter betroffen als männliche Teenager und Männer. Er arbeitet am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Uniklinikum Jena und forscht schon seit gut 20 Jahren zum Thema Essstörungen und wie diesen vorgebeugt werden kann. Aus seinen Forschungsergebnissen heraus hat er etwa Präventionsprogramme entwickelt, die an Schulen Anwendung finden. 

Allein aus den statistischen Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenhäuser eine Entwicklung abzulesen, hält Berger aber für schwierig. Er verweist etwa darauf, dass sich Diagnostikkriterien bei Essstörungen zuletzt stark verändert hätten, Vergleiche zwischen den Jahren also schwierig sein könnten. Zudem hingen Behandlungszahlen in den Kliniken auch schlicht vom Umfang der dort bereitgestellten Behandlungsplätze ab.

Experte: «Sehe bei dem Thema keine Entspannung»

Eine etwas allgemeinere Einschätzung erlaubt sich Berger trotz schwieriger Datenlage mit Blick auf die aktuelle Verbreitung von Essstörungen aber: «Ich würde sagen, die Zahlen sind nach wie vor hoch und ich sehe bei dem Thema keine Entspannung.»

Eine Entwarnung könne nicht gegeben werden. Stattdessen sind aus Bergers Sicht durch Social Media neue Formen und Risikomöglichkeiten, zu erkranken, dazugekommen. Berger verweist etwa auf Fitness-Influencer. Der Drang, Körper zu perfektionieren, scheine zugenommen zu haben, auch um andere Probleme zu bewältigen.

Dass ausgerechnet Kinder und Jugendliche stärker unter den Betroffenen vertreten sind, sei besonders hart. «Sie gehören eigentlich zu der gesündesten Altersgruppe», so Berger. «Und Essstörungen können ziemlich dramatische Folgen haben – für die Betroffenen selbst, aber auch für deren Familie und Freunde.» Dem Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit zufolge haben etwa Menschen mit Magersucht ein mehr als fünffach höheres Risiko zu sterben als Gleichaltrige ohne Erkrankung.

Oft beginnen Essstörungen in der Pubertät, wie Berger erläutert. «Denn dann kommt fast niemand darum herum, sich mit seinem Körper zu beschäftigen, der sich auch sichtbar für andere verändert.» Genau dann sei ein Bewusstsein dafür nötig, dass Eingriffe in den Körper drastische Folgen haben könnten. «Bei vielen herrscht die Meinung: Mein Körper ist ein Experimentierfeld. Aber der Körper ist keine Maschine, aus der man ein Rädchen einfach raus- und dann wieder reinschrauben kann.» 

Geringes Selbstwertgefühl als Risikofaktor

«Der Hauptrisikofaktor bei der Entwicklung von Essstörungen ist gar nicht so sehr, falschen Influencern zu folgen, sondern das ist ein geringer Selbstwert», betont Berger. «Daher ist eigentlich jede Form von Selbstwertsteigerung eine Form von Prävention gegen Essstörungen.»

Bei Essstörungen werden verschiedene Arten, Unter- und Mischformen unterschieden, sie fallen unter die psychischen Erkrankungen. Die drei Hauptformen sind dem Bundesministerium für Gesundheit zufolge die im Volksmund als Magersucht bekannte Anorexie, die Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die sogenannte Binge-Eating-Störung. Bei Letzterer haben Betroffene immer wieder Essanfälle, die sich für sie unkontrollierbar anfühlen. Anders als bei der Bulimie versuchen Betroffene dabei aber nicht, etwa durch selbst provoziertes Erbrechen eine Gewichtszunahme zu verhindern. 

Eine Übersicht über Hilfsangebote gibt etwa das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit.

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