Als Konsequenz aus dem jahrelangen Missbrauch junger Turnerinnen beim HSV Weimar fordert der Landessportbund Thüringen (LSB) einen Kulturwandel im organisierten Sport. Es brauche die Bereitschaft, beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch auch wirklich hinzuschauen, sagte die LSB-Geschäftsführerin für Sportentwicklung, Nadin Czogalla, in Erfurt. Dort wurde am Abend ein Aufarbeitungsbericht zu dem Fall beim HSV Weimar vorgestellt. Mitglieder der unabhängigen externen Aufarbeitungskommission hatten zuvor betont, dass im Falle dieses Vereins ein großer Teil des missbräuchlichen Verhaltens für sehr viele Menschen öffentlich sichtbar gewesen sei – ohne dass jemand dagegen eingeschritten oder Kritik daran nachgegangen worden sei. Auch die Experten der Kommission forderten eine andere Kultur im organisierten Sport, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. «Wenn jemand geschützt wurde im Verein, dann war es der Täter», sagte der Sozialpädagoge Joachim Henseler, der Mitglied der Kommission ist. Es sei erschreckend gewesen, welches Verhalten beim HSV Weimar in der Vergangenheit als normal angesehen worden sei. Nach Angaben der Kommissionsmitarbeiterin Angela Marquardt war es zum Beispiel lange üblich, dass junge Turnerinnen auf dem Schoß des Trainers saßen. Für dieses Verhalten seien die Kinder kritisiert worden, nicht der Trainer. So habe eine Schuldumkehr stattgefunden. Die Taten hatten sich zwischen 2007 und 2015 ereignet. Das Landgericht Erfurt verurteilte den Trainer nach einem langen und komplizierten Verfahren schließlich wegen 20 Fällen des sexuellen Missbrauchs. Das Urteil war 2023 rechtskräftig geworden. Angeklagt waren zunächst deutlich mehr Fälle. Auch die Aufarbeitungskommission geht davon aus, dass der Mann sich in viel mehr Fällen schuldig gemacht hat, als letztlich gerichtsfest geworden sind. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenKommission: Nicht Täter, sondern Kinder wurden kritisiert