Gebrochene Erwerbsbiografien, großer Niedriglohnsektor: Trotz struktureller Unterschiede zwischen Ost und West sieht Thüringens Ministerin Katharina Schenk die geplante Rentenreform als Chance. Der Vorschlag der Rentenkommission sei gut, weil er die erste Säule, also die gesetzliche Rente, stärke, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Für die Ostdeutschen sei er zentral, da viele auf die gesetzliche Rente angewiesen seien. Diese müsse stabil gehalten werden. Oppositionspolitiker warnen vor Sozialabbau.
Geringe Gehälter
Ein Grund dafür, dass viele Beschäftigte in Thüringen so stark auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, liegt in den geringen Gehältern. Nach Angaben der Landesarbeitsagentur bekam mehr als ein Viertel der 498.894 Vollzeitbeschäftigten in Thüringen weniger als monatlich 2.676 Euro brutto. Damit arbeiteten 126.987 Vollzeitbeschäftigte im Niedriglohnbereich. Teilzeit-Beschäftigte sind in diesen Daten nicht enthalten.
In keinem anderen Bundesland erhalten Frauen und Männer nach mindestens 45 Versicherungsjahren eine geringere Durchschnittsrente als in Thüringen. Bei im Schnitt 1.491 Euro im Monat lag der Betrag Ende 2024. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Dietmar Bartsch hervor.
Aktienmarkt soll helfen
Das Säulenmodell geht davon aus, dass der individuelle Rentenbetrag auf drei Säulen steht: der gesetzlichen Rente, einer betrieblichen Altersvorsorge und einer privaten Altersvorsorge - etwa durch Ersparnisse oder Riester-Verträge. Die Pläne sehen nun noch eine Kapitalrente als neuen Baustein vor. Zusätzlich zum normalen Rentenbeitrag sollen Arbeitgeber und Beschäftigte nach einer 2028 beginnenden Übergangsphase zwei Prozent des Bruttoeinkommens einzahlen. So soll künftig ein Teil der Rentenzahlungen über den Kapitalmarkt finanziert - und die erste Säule damit gestärkt werden, so die Idee.
Schenk wies darauf hin, dass viele Ostdeutsche vor allem auf die erste Säule angewiesen sind. «Wenn ich kein Vermögen habe - und das sehen wir ja an jeder Statistik, die Ostdeutschen haben viel weniger Vermögen, vererben viel weniger - dann ist die erste Säule die zentrale und deswegen muss die finanziell gestärkt werden», sagte sie. Das sei auch eine gute Nachricht für die junge Generation. «Und es gibt überhaupt die Perspektive, dass das Niveau wieder steigt, wenn man eine Kapitalrente einführt, weil man ja davon ausgehen kann, dass sich das Geld im Kapitalmarkt sozusagen auch wieder gut entwickeln kann.»
Mehr Einzahler
Die Vorschläge der Rentenkommission, die die Bundesregierung als «Gesamtkunstwerk» umsetzen will, sehen auch vor, dass mehr Menschen als bisher in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen sollen. So sollen künftig Selbstständige sowie Politikerinnen und Politiker einbezogen werden, aber nicht Beamte. Für sie soll den Vorschlägen nach das Ruhestandsalter wie in der gesetzlichen Rente erhöht werden. Schenk begrüßte die Vergrößerung des Einzahlerkreises. Es sei vernünftig, das bei den Beamten zu prüfen.
Renteneintritt
Werden die Reformvorschläge umgesetzt, bedeutet das faktisch auch das Aus für die Rente mit 63. Die bisherige Regelung besagte, dass Menschen, die 45 Versicherungsjahre hinter sich haben, abschlagsfrei in Rente gehen können. Das soll sich ändern. Die SPD-Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, lehnte die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung ab: Das sei eine durchschnittliche Zahl, die über die individuelle Situation gar nichts sage, hatte Schwesig kurz nach Bekanntwerden der konkreten Reformpläne gesagt. «Im Osten sinkt übrigens leider die Lebenserwartung, anders als im Westen. Und ich halte es für richtig, nach Beitragsjahren zu gehen.»
Kritik kam auch von der AfD. Parteichefin Alice Weidel etwa kritisierte die Pläne für einen Wegfall der abschlagsfreien Rente mit 63, die Anhebung des Rentenalters sowie verpflichtende Zusatzbeiträge.
Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland sind die Menschen in Thüringen im vergangenen Jahr im Durchschnitt mit 64,2 Jahren in Rente gegangen. Mit 36,9 Prozent gingen demnach mit Abstand die meisten im Alter von 64 in Rente, gefolgt von 63 Jahren (28,35 Prozent) und 66 Jahren (23,86 Prozent).
Dämpfer für Rentenanstieg
Die starke Abhängigkeit vieler ostdeutscher Rentnerinnen und Rentner könnte ab 2032 dann zu einem Problem werden. Bis 2031 gilt ein Rentenniveau von 48 Prozent - die Renten steigen also vereinfacht gesagt mit den Einkommen mit. Ab 2032 soll es aber bei der jährlichen Berechnung wieder eine Dämpfung geben - die Renten wachsen weiter, aber weniger stark als die Löhne. Die Rentnerinnen und Rentner sollen so einen Teil der demografisch bedingten Mehrkosten übernehmen. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), hatte mit Blick auf diese Pläne vor dem Risiko von Altersarmut in Ostdeutschland gewarnt.
In Thüringen lebten im März dieses Jahres 9.510 Menschen von Grundsicherung im Alter, wie eine Anfrage des Bündnisses Sahra Wagenknecht beim Statistischen Bundesamt ergab. Das waren etwa 900 mehr als vor einem Jahr. Mehr als die Hälfte der Thüringer Wohngeldempfänger im Jahr 2025 waren Rentner-Haushalte. Nach Angaben des Landesamts für Statistik erhielten 29.070 Haushalte, deren Haupteinkommensperson Rentner oder Pensionär ist, Wohngeld.
Die Thüringer Linke-Sozialpolitikerin Katja Maurer hatte die Pläne der Rentenkommission scharf kritisiert und vor Sozialabbau gewarnt. «Wir machen keine Erhöhung des Eintrittsalters mit und auch eine Absenkung des Rentenniveaus nicht», hatte Maurer mitgeteilt.
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