Rampen für Rollstühle, Türen, durch die auch Rollatoren passen, behindertengerechte Toiletten: Thüringens Tourismusbranche hat nach Einschätzung von Behindertenvertretern in puncto Barrierefreiheit große Defizite. «Aus meiner Sicht besteht ein echter Mangel an barrierefreien Unterkünften», teilte der Landesbehindertenbeauftragte Dennis Petschner auf Anfrage mit. «Abgesehen von den Hotels im städtischen Raum gibt es kaum barrierefreie Ferienwohnungen oder Häuser als Urlaubsdomizile für ganze Familien.»
Der Blinden- und Sehbehindertenverband moniert, dass auch Gaststätten baulich für Menschen mit Handicap oft schwer zugänglich seien. «Mit Rollstühlen kommt man da gar nicht rein», sagt der Verbandsvorsitzende Joachim Leibiger.
Nach Angaben der Thüringer Tourismusgesellschaft (TTG) tragen im Freistaat 34 Unterkünfte das bundesweit vergebene Siegel «Reisen für alle», das sie als barrierefrei kennzeichnet. Darunter sind mehrere Hotels, eine Jugendherberge und ein Campingplatz. Zur Einordnung: In Thüringen gibt es rund 1.200 Beherbergungsbetriebe. Auch 64 Sehenswürdigkeiten und Freizeiteinrichtungen und 13 Tourist-Informationen haben das Zertifikat erhalten, außerdem acht Gaststätten.
Die TTG geht allerdings davon aus, dass mehr Betriebe als die zertifizierten über barrierefreie Angebote verfügen. Nicht immer würden diese der TTG gemeldet, sagte eine Sprecherin. Oft scheuten Betriebe auch den Aufwand einer Zertifizierung.
Scheu vor finanziellem Aufwand
Der Mangel an barrierefreien Ferienunterkünften in Thüringen hat nach TTG-Beobachtung vor allem mit der Scheu von Betrieben vor dem finanziellen Aufwand für Umbauten - etwa Rampen für Rollstühle, ebenerdige Duschen in den Sanitärräumen oder die Verbreiterung von Türen - zu tun. Die TTG verweist hier auf ein noch bis 2030 laufendes Förderprogramm der Thüringer Aufbaubank, das allerdings für dieses Jahr schon ausgeschöpft sei.
Sabine Feuer von der Landesfachstelle für Barrierefreiheit berät unter anderem potenzielle Touristenziele wie Museen und Kultureinrichtungen zu dem Thema. Barrierefreiheit sei nicht nur für Menschen mit Behinderung wichtig, sondern auch für Familien mit Kindern oder Senioren, betont sie. «Das ist für alle Menschen ein Qualitätsmerkmal.»
Herausforderung für «Wanderland» Thüringen
Und angesichts der demografischen Entwicklung mit einer alternden Bevölkerung gewinnt es an Bedeutung, worauf Dennis Petschner hinweist. Und das nicht nur innerhalb von Gebäuden. «Gerade Thüringen als "Wanderland" sollte daher mehr barrierefreie beziehungsweise barrierearme Wanderwege ausweisen.» Schon die Anreise, Nahverkehrsangebote und Parkplätze müssten entsprechend barrierefrei gestaltet werden. Das Thema Barrierefreiheit müsse in der übergeordneten Tourismusstrategie des Landes ausreichend Berücksichtigung finden, fordert er.
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