Der Erfurter Politikwissenschaftler und KI-Experte Thorsten Thiel hält vor allem eine mögliche Verwendung nicht verifizierbarer Zitaten in einem Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt für problematisch. Es handele sich offenbar um einen typischen Fall von generierten Texten. «Das ist problematisch. Das zeugt von äußerst schlechtem Handwerk», sagte Thiel der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Zugleich warnte der Experte vor einem «Jagdfieber» und eine Instrumentalisierung solcher Fälle als politische Waffe.
Gastbeitrag aus dem Netz genommen
Regierungschef Voigt steht in der Kritik, weil mehrere seiner Reden und Gastbeiträge für Medien oder Teile davon mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt worden sein sollen. Das Portal «Frag den Staat» hatte mehrere Beiträge von Voigt mit Hilfe von KI-Erkennungsprogrammen durchforstet. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» gab am Mittwoch bekannt, dass sie einen Gastbeitrag von Voigt zur Social-Media-Sperre für Kinder und Jugendliche depubliziert, also aus dem Netz nimmt und im Archiv sperrt. In jenem Gastbeitrag zitiert Voigt drei Wissenschaftler, wobei sich die Zitate laut «Frag den Staat» nicht verifizieren ließen.
Thiel sagte, Politikerinnen und Politiker müssten in solchen Fällen diese Texte auch verantworten und dürften bei der Frage der Schuld nicht an ihre Mitarbeiter verweisen oder die KI. «Denn das muss er dann schon konkret als Delikt nehmen.» Im vorliegenden Fall sei es nicht so dramatisch, weil die Aussagen inhaltlich nicht falsch zu sein scheinen. «Wenn jemand sich verleumdet fühlt, dann wäre es ein ganz anderer Fall. Dann wäre es sicher auch justiziabel.»
Dass sich die Zitate nicht verifizieren ließen, sei ein eindeutiger Hinweis auf den Einsatz von generativen Verfahren. «Es ist gegenüber den Personen, die da zitiert werden und denen etwas in den Mund gelegt wird, eindeutig ein Verstoß gegen die Redlichkeit.»
KI-Hilfe beim Redenschreiben «kein Drama»
Thiel bewertete die Verwendung möglicherweise erfundener Zitate als schwerwiegender als die Erstellung von Reden durch generische KI. «Dass diese Art von Reden assistiert geschrieben werden, scheint mir der Normalfall zu sein. Dafür gibt es ja auch Redenschreiber», sagte der Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik. Anders als bei wissenschaftlichen Texten sei die Person des Autors nicht notgedrungen dieselbe Person, die auch den Text verfasst habe. «Das scheint mir kein Drama zu sein.»
Politische Gegner können das Thema nutzen
Thiel warnte auch vor einem «Jagdfieber», wie es bei Plagiaten schon stark der Fall sei. Plagiatsvorwürfe würden beispielsweise stark als politische Waffe eingesetzt. «Das Jagen mit Tools ist definitiv gefährlich, weil das erzeugt permanent ein Verdachtsmodell.» Dennoch müssten Politikerinnen und Politiker aus dem Fall lernen, dass sie mit den KI-Werkzeugen besser umgehen müssen, wenn sie sie verwenden. «Politik muss sich da professionalisieren, um die Gefahr der Skandalisierung etwas zu dämpfen.»
Voigt aber komme aus dem öffentlichen Diskurs zunächst nicht mehr raus, glaubt Thiel. «Seine politischen Gegner werden das nutzen.» Es sehe einfach schlecht aus, was da passiert sei. Seiner Meinung nach sei aber der generelle Vertrauensverlust in etablierte Politik ein weitaus größeres Problem für die Demokratie als die Erstellung von Reden mit Hilfe von KI.
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