Einen Monat nach der Schließungs-Entscheidung für das Erfurter Zalando-Logistikzentrum kommt die Belegschaft zu einer Art Krisentreffen zusammen. Hunderte werden zu einer ersten Betriebsversammlung an diesem Donnerstag erwartet, bei der es um die berufliche Zukunft der 2.700 Beschäftigten des Internet-Modehändlers geht. Der Betriebsrat hat - um allen Platz zu bieten - eine Messehalle in Erfurt gemietet.
Und es wird nach Angaben des Betriebsrats simultan übersetzt - die Arbeitnehmer in dem Logistikzentrum kommen aus etwa 70 Ländern, viele von ihnen aus Polen, Rumänien, Afghanistan oder Syrien. Nach Angaben eines Zalando-Sprechers wird neben dem Erfurter Standortleiter auch ein Vorstandsmitglied des Dax-Konzerns bei der Betriebsversammlung dabei sein. Auch die Thüringer Wirtschaftsministerin Colette Boos John (CDU) und Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD) wurden vom Betriebsrat als Gäste eingeladen, ebenso wie Bundestags-Vizepräsident Bodo Ramelow.
Befristete Verträge von Arbeitnehmern laufen aus
Der Betriebsrat wirft dem Management vor, sich bei der Entscheidung, den Standort im September komplett zu schließen, nicht an die arbeitsrechtlichen Regeln gehalten zu haben. Die Arbeitnehmervertretung sei nicht gehört worden. «Es wurde mit uns nicht diskutiert, gibt es Alternativszenarien wie eine Teilschließung oder Kurzarbeit», sagte eine Betriebsrätin der Deutschen Presse-Agentur. Um einen Sozialplan gehe es deshalb längst noch nicht.
Die, deren befristete Arbeitsverträge in den kommenden Wochen und Monaten auslaufen, werden bereits von Mitarbeitern der Arbeitsagentur Thüringen Mitte betreut und beraten. Der Betriebsrat spricht von etwa 500 befristeten Arbeitsverträgen. Bis zu vier Teams seien direkt im Unternehmen im Einsatz, sagte Agenturchefin Irena Michel der dpa. Auch bei einigen Zalando-Dienstleistern gebe es Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen, die wegen der Schließung des Logistik-Standorts nicht verlängert würden. «Wir tun alles, dass die Menschen eine Anschlussbeschäftigung bekommen.»
Bis zu 100 Unternehmen an Einstellungen interessiert
Bei den Arbeitnehmern mit Festanstellung gebe es bei Bedarf Beratungsangebote, bei ihnen gehe es jedoch zunächst um betriebliche Regelungen. Michel bestätigte Pläne von Zalando, eine Jobbörse in Erfurt auszurichten. Die Arbeitsagentur und die regionale Wirtschaftsförderung seien dabei beratend tätig.
Nach Angaben von Michel gibt es in der Region potenziell fast 100 Unternehmen, die signalisiert haben, dass sie Arbeitnehmer einstellen wollen. Das Spektrum sei breit - von Logistik über Pflege, Gastgewerbe, Handel bis Handwerk. «Wir sind in der heißen Phase der Planung.» Ein genauer Termin für die Jobbörse oder -messe stehe noch nicht fest, er werde jedoch voraussichtlich noch Ende Februar sein.
Derweil sucht das Wirtschaftsministerium den Kontakt zum ausländischen Eigentümer der riesigen Logistikhalle, die Zalando nach der Ansiedlung vor mehr als einem Jahrzehnt gemietet hat. Dabei geht es nach Angaben von Boos-John auch um eine künftige Nutzung und damit neue Arbeitsplätze. Neben den 2.700 Zalando-Arbeitnehmern sind nach Schätzungen etwa 300 bis 500 Arbeitsplätze bei Dienstleistern des Logistik-Zentrums gefährdet.
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