Als Angelica Domröse das Drehbuch las, vor Jahrzehnten, da wollte sie die Rolle unbedingt haben. «Die Legende von Paul und Paula» zählt heute zu den wichtigsten Filmen der deutschen Geschichte. Es ist ein Liebesfilm, der tragisch endet, und doch so viel mehr erzählt über das Leben. Nun ist Hauptdarstellerin Domröse im Alter von 85 Jahren gestorben, wie die Defa-Stiftung unter Berufung auf ihr persönliches Umfeld bestätigte. Zuvor hatten die «SuperIllu» und der MDR berichtet.
Der Film aus den 1970ern zeigt nicht nur den Alltag in der DDR, das Kohleschleppen und Schlangestehen. Sondern stellt auch eine elementare Frage: Hat der Mensch einen Anspruch auf Glück?
«Es muss doch noch was anderes geben als schlafen, arbeiten. Und wieder schlafen und arbeiten», sagt Paula in einer Szene - eine alleinerziehende Mutter, die sich im Film in den verheirateten Paul verliebt. Gemeinsam mit Winfried Glatzeder übernahm Domröse die Titelrolle.
Ein Lieblingsfilm von Angela Merkel
Als die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel mal ihren Lieblingsfilm vorstellen sollte, entschied sie sich für «Die Legende von Paul und Paula» von Regisseur Heiner Carow. Birnenschnaps und Blumenkränze kommen darin vor - und ein Bett, das über Berliner Gewässer segelt. Alles ziemlich verrückt. Das Filmteam befürchtete lange ein Verbot des Films in der DDR.
Domröse gehörte zu den Schauspielerinnen, die man noch mit einem «die» adelte. Dann war sie einfach nur «die Domröse». Wenn man ihr gegenübersaß, traf man eine zierliche Person, die auch schweigen konnte und nach vielen Theaterjahren noch immer aus dem Stegreif Bertolt Brecht zitierte.
Öffentlich trat sie zuletzt nicht mehr auf. Zu ihrem 80. Geburtstag gab sie noch einmal ein Interview. Und konfrontierte einen schlagfertig mit ihrer Sicht auf die Dinge und die Welt. Dass sie bis zuletzt für viele Menschen die «Paula» blieb, auch wenn der Film lange zurückliegt, schien für die Berlinerin in Ordnung zu sein. Mehr Ehre denn Kampf.
«Die Rolle war eine Wucht»
Sie mochte nach eigenen Angaben das Drehbuch und die Erzählweise. «Und die Rolle war eine Wucht, da war etwas zu spielen», sagte sie im Gespräch 2021. Oft werde ja einfach nur viel gequatscht. Sie habe sich «einen Dreck darum gekümmert, dass die eigentlich 22 sein sollte, die Paula». Sie selbst sei damals ja schon einige Jahre älter gewesen. Anfangs führte das sogar zu Diskussionen. Aber Domröse wollte die Rolle und bekam sie.
In Zeitungen von früher wurde sie als exzellent gelobt, als diszipliniert und fleißig. Das Wort «Publikumsliebling» fiel. Sie und ihr zweiter Mann Hilmar Thate galten als «Traumpaar». Im Westen hätten sie manche Journalisten aber auch «Dornrose» getauft, heißt es in ihren Erinnerungen im Buch «Ich fang mich selbst ein». Weil sie so spröde gewesen sei und Reportern auch mal gesagt habe, wenn sie eine «besonders dämliche Frage» stellten.
Domröse erlebte auch schwere Zeiten
Geboren wurde Domröse im April 1941 in Berlin. In ihrer Biografie wird eine schwierige Kindheit in einer kaputten Stadt geschildert. Ihre erste Filmrolle hatte sie als junge Frau in Slatan Dudows «Verwirrung der Liebe». Sie fing noch unter Helene Weigel am Berliner Ensemble an. Später wechselte sie an die Volksbühne. Das Buch erzählte aus Domröses Perspektive vom Mauerbau («Jetzt müssen wir wieder die dicken Strümpfe tragen!»), von ihrer ersten Ehe und ihrer Vorliebe für schnelle Autos.
Zu Beginn ihrer Karriere änderte sie übrigens ihren Namen: «Angelika mit k sah einfach zu eckig aus.» Das Buch spart auch schwere Kapitel nicht aus. Die Stimmungsschwankungen und das Alkoholproblem, mit dem sie früher kämpfte.
In der DDR sei sie mit Brigitte Bardot verglichen worden und im Westen mit Uschi Glas, heißt es in dem Buch. Als Domröse mit ihrem Mann Thate schließlich in den Westen ging, wurde sie immer wieder von Reportern aufgefordert, sich zur DDR zu positionieren. Domröse war dabei nach eigenen Angaben vieles zu schwarz-weiß. «Darf, wer unter der DDR gelitten hat, nicht um sie trauern? Um den Funken Utopie, den sie in sich trug?»
Eine Wohnung mit vielen Büchern
Im Westen Berlins lebte Domröse dann sehr lange, in einer Altbauwohnung mit vielen Büchern. «Manches ist jetzt schöner, gelassener», sagte sie in dem Gespräch 2021. Wenn man jung sei und im Zenit stehe, habe man auch einen gewissen Trott. «Text lernen, Rolle proben, Freundschaften schließen, Freundschaften brechen, lieben, unglücklich sein.»
Sie denke nicht mehr so oft zurück. Sie lese nun viel - über die Antike zum Beispiel. In jungen Jahren neige man ja dazu, die eigene Zeit immer für die interessanteste zu halten. Dabei habe es doch vieles schon früher gegeben.
Einen solchen Erfolg wie mit der «Paula» habe sie nie wieder gehabt, sagte Domröse damals. «Und ich hatte doch eine ganze Menge, ich kann mich nicht beschweren.» Wenn andere Generationen heute noch sagten, sie verstünden den Film und fänden ihn interessant, dann sei das eine Erfüllung.
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