Der Händler sitzt in einem Gewerbegebiet im Südosten von Erfurt, zwischen einer Reifenbude und einem Lagerhaus, ungefähr 30 Fahrzeuge auf dem Hof, meistens Kompakte und Kombis, ab und zu ein SUV, Preise zwischen 6000 und 18000 Euro. Nichts Spektakuläres. Er betreibt den Laden seit elf Jahren, vorher hat er bei einem großen Autohaus in Weimar gearbeitet, Verkauf, und er sagt, dass er irgendwann keine Lust mehr hatte, Autos zu verkaufen, hinter denen er nicht stehen konnte, und dass er sich selbstständig gemacht hat, weil er es anders machen wollte. Im Herbst 2024 hat er angefangen, zu jedem Fahrzeug auf dem Hof die Fahrzeughistorie auszudrucken und ins Handschuhfach zu legen, bevor der erste Kunde den Wagen überhaupt anschaut. Kilometerstand, TÜV-Einträge, Vorbesitzer, Unfallmeldungen, alles auf zwei oder drei Seiten zusammengefasst, und wer den Wagen Probe fährt, hat die Unterlagen schon in der Hand. Die Idee, sagte er mir, kam ihm nach einem Rücktritt im August 2024, ein Kunde hatte einen Kombi gekauft und drei Wochen später herausgefunden, dass der Wagen in Tschechien als Unfallfahrzeug gemeldet war, und der Händler selbst hatte das nicht gewusst, weil er den Wagen von einem anderen Händler in Sachsen übernommen hatte, ohne die Historie zu prüfen. Der Rücktritt hat ihn ungefähr 2500 Euro gekostet, plus Anwaltskosten, plus den Ärger, plus die drei Abende, an denen er mit seiner Frau am Küchentisch saß und überlegte, ob er den Laden überhaupt weiterführen will.
Im Gewerbegebiet kennen ihn die Nachbarn, der Typ von der Reifenbude schickt ihm manchmal Kunden, und ein Prüfingenieur bei einer TÜV-Station in Erfurt, mit dem er regelmäßig zu tun hat, sagte mir, dass er solche Händler selten erlebt, die meisten prüfen beim Ankauf, was sie müssen, und legen offen, was sie müssen, aber nicht mehr. Das KBA meldete für 2025 mehr als 6,5 Millionen Besitzumschreibungen bundesweit. Thüringen liegt nicht direkt an der polnischen Grenze, aber Sachsen liegt dazwischen, und über Dresden und Leipzig kommt ein Teil der Importfahrzeuge auch nach Erfurt, Gera und Jena. Laut einer Studie des Europäischen Parlaments wird die Tachomanipulationsquote beim grenzüberschreitenden Handel auf 30 bis 50 Prozent geschätzt, der wirtschaftliche Schaden für die EU auf 5,6 bis 9,6 Milliarden Euro im Jahr. § 22b StVG stellt die Manipulation unter Strafe, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe, und wer ein manipuliertes Fahrzeug verkauft, begeht Betrug nach § 263 StGB. Der Händler in Erfurt sagte mir, dass er selbst in den elf Jahren zwei Mal ein Auto auf dem Hof gehabt hat, bei dem der Tacho nicht stimmte, beide Male Importfahrzeuge aus Polen, beide Male beim Ankauf nicht aufgefallen, und beide Male hat er das Auto an den Verkäufer zurückgegeben, wobei das beim zweiten Mal drei Monate gedauert hat, weil der Verkäufer nicht mehr erreichbar war.

Vertrauen durch Transparenz: Wie ein Gebrauchtwagenhändler mit offener Fahrzeughistorie überzeugt. / Foto: Manfred Richter auf Pixabay.com
Ein Datenanalyst meinte, dass die Nachfrage nach Gebrauchtwagen prüfen zugenommen hat und Leute inzwischen gezielt bei carVertical nach Fahrzeug gestohlen prüfen suchen – was darauf hindeutet, dass das Bewusstsein für Risiken beim Gebrauchtwagenkauf wächst, auch jenseits von Tachobetrug. Der Händler in Erfurt bekommt das mit, er sagt, dass seine Kunden heute informierter sind als vor fünf Jahren, und dass manche mit einem eigenen Historienbericht zum Händler kommen und ihn mit den Angaben im Inserat vergleichen. Das sei ihm am Anfang unangenehm gewesen, erzählte er, weil es sich anfühlt, als würde man kontrolliert, aber inzwischen findet er es gut, weil es heißt, dass die Leute sich Gedanken machen, und weil er nichts zu verstecken hat. Sein Umsatz ist im ersten Jahr mit der offenen Historienprüfung nicht gestiegen, aber die Marge pro Fahrzeug ist leicht besser geworden, weil die Rückabwicklungen fehlen und weil er weniger Autos ankauft, die er hinterher nicht loswird.