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Trotz Rentenalter: Sie steuert Betrieb durch alle Krisen

Von Bauingenieurin zur Chefin: Evelyn Forkel führt Marolin seit rund 30 Jahren. / Foto: Martin Schutt/dpa
Von Bauingenieurin zur Chefin: Evelyn Forkel führt Marolin seit rund 30 Jahren. / Foto: Martin Schutt/dpa

Evelyn Forkel führt die traditionsreiche Marolin-Manufaktur, die viele Krisen überstand. Wie sie nach einem Schicksalsschlag Verantwortung übernahm und was ein verlorenes Rezept damit zu tun hat.

Für Evelyn Forkel dauert die Weihnachtszeit das ganze Jahr. Die 70-Jährige führt das Familienunternehmen Marolin in dritter Generation. Zwar stellt die Manufaktur längst auch andere Dekorationsartikel her. Der Traditionshersteller aus dem südthüringischen Steinach ist aber vor allem für seine aus Papiermaché gefertigten Krippen- und Weihnachtsfiguren bekannt.

In über 100 Jahren hat Marolin einige Höhen und Tiefen durchschritten. Durch den tragischen Tod ihres Vaters bei einem Verkehrsunfall musste sie die Führung im Betrieb übernehmen. Ihr Sohn, der die Nachfolge eigentlich antreten sollte, war noch mit dem Studium beschäftigt. Und so kam Evelyn Forkel zu der Rolle, die sie seit knapp 30 Jahren ausfüllt.

Sie steckt auch jenseits des Rentenalters noch Kraft und Erfahrung in ihr Unternehmen. Dabei hatte sie mit dem Marolin-Geschäft zunächst nichts zu tun. «Ich bin eigentlich artfremd, ich bin Bauingenieur», so Forkel. In rund 30 Jahren als Geschäftsführerin hat sich das geändert.

Dabei war der Neuanfang nach der politischen Wende in Steinach alles andere als einfach. Denn die Rezeptur für das Papiermaché, die ihr Urgroßvater einst in der Küche des eigenen Wohnhauses entwickelt hatte, war verloren gegangen. Richard Mahr hatte den Hausbetrieb zu einem Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern aufgebaut. Die Familie wurde - wie viele andere Betriebe - enteignet, musste ausziehen und bekam eine Wohnung zugewiesen.

Die Marolin-Manufaktur wurde als eines von 72 enteigneten Unternehmen dem damaligen volkseigenen Betrieb Plast- und Holzspielwaren (Plaho) untergeordnet. Als die Familie nach der Reprivatisierung 1990 die Marolin-Manufaktur wiederbeleben wollte, waren nicht nur Ausrüstung wie Mischanlagen, Pressen und zahlreiche der alten Formen für die Papiermaché-Figuren verschwunden, sondern auch das Wissen um das wichtige Rezept.

Geheimrezept versteckt auf alter Kellertür

«Wir hatten also wirklich über ein Vierteljahr probiert und wir wussten zwar so ungefähr die Zutaten, aber halt nicht die Mengen», erinnert sich die Chefin. Durch einen Zufall wurde das Geheimnis wiederentdeckt. Auf einer Kellertür in dem vor rund 100 Jahren erbauten Firmengebäude, in dem bis heute gefertigt wird, hatte ein Mitarbeiter die Rezeptur für die Mischung aus zerkleinertem Papier, Kleister und Wasser vermerkt.

«Der hat es mit so einem Fettstift auf eine Tür geschrieben und die Tür war 18 Jahre nicht zugemacht.» Erst bei Aufräumarbeiten nach Wiederübernahme der Räume war die Originalrezeptur deshalb wiederentdeckt worden.

Heute hat Marolin zehn Mitarbeiter. Das Papiermaché, das einst Sonnebergs Aufschwung zur Welthauptstadt der Spielzeugproduzenten mit ermöglichte, wird nur noch in der Manufaktur in Steinach eingesetzt. «Wir sind die Einzigen, die hier noch Drückermasse verarbeiten», sagt Evelyn Forkel.

Dass es das Unternehmen auch nach 125 Jahren trotz Weltkriegen, Brandkatastrophen, Enteignung und Familientragödien noch gibt, erfüllt die Geschäftsführerin mit Stolz, wie sie sagt.

Genaue Zahlen dazu, wie viele Familienbetriebe im Freistaat von Chefs im Rentenalter geführt werden, gibt es nicht. Die IHK Erfurt schätzte zuletzt, dass allein 1.100 ihrer Mitgliedsunternehmen von Inhabern im Rentenalter von mindestens 67 geführt werden. Bei Marolin ist die Nachfolge sicher: Schon seit Jahren arbeitet die Chefin mit ihrem Sohn zusammen, der den Betrieb in die Zukunft führen soll.

Unter Druck durch US-Zölle

Aus Steinach liefert Marolin in die ganze Welt - nach Australien, Südafrika oder Südkorea. Hauptabnehmer aber sind USA. Mit der US-Zollpolitik steht das Steinacher Familienunternehmen deshalb erneut vor großen Herausforderungen. Versand und Import haben sich für die dortigen Kunden deutlich verteuert.

«Das zehrt schon und dann kommt noch der Dollarverfall dazu», so die Geschäftsführerin. Doch es ist längst nicht die erste Schwierigkeit, die sie überwunden hat. «Das sind halt Situationen, mit denen müssen wir irgendwie fertig werden.»

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