Millionen Christen in der Welt feiern am Sonntag Ostern, doch an der Chemnitzer Petrikirche stehen sie vor verschlossenen Türen. Das Gotteshaus ist nicht nur das größte der Stadt. Im Stil der Neogotik bildet es auch ein Ensemble mit dem Opernhaus und dem einstigen König Albert Museum - heute Sitz der Kunstsammlungen. Nicht Bauarbeiten oder Personalmangel sind der Grund, dass der Ostergottesdienst ausfällt. Der Gemeinde wachsen schlicht die Heizkosten über den Kopf, sodass sie nun die Reißleine zieht. Ein Problem, das auch andere Gemeinden betrifft.
Die imposante Kirche wurde bisher mit Fernwärme geheizt. Doch seit einer Umstellung der Verträge durch den lokalen Energieversorger sind die Kosten dafür enorm gestiegen, wie der Chef des Finanzausschusses der Gemeinde St. Petri-Schloß, Matthias Nitz, erläutert. Allein der Anschluss ans Fernwärmenetz koste die Gemeinde für ihre beiden Kirchen nun rund 40.000 Euro - das Drei- bis Vierfache der eigentlichen Verbrauchskosten. Und die Petrikirche werde nur etwa 30 Tage im Jahr überhaupt geheizt.
Weil die Gemeinde die Kosten nicht schultern könne, hat sie den Anschluss gekündigt. Stattdessen wird nur noch die Schloßkirche - die zweite große Kirche der Gemeinde - beheizt. Und das ebenfalls mit Fernwärme. Allein dafür seien die Heizkosten inzwischen höher als vormals für beide Kirchen, heißt es.
Superintendent: Tiefer Einschnitt in Kulturlandschaft der Stadt
Das trifft nicht nur die Kirche St. Petri, sondern vier große Kirchen in der Stadt, erklärt Superintendent Frank Manneschmidt. «Die Gemeinden gehen damit unterschiedlich um, in einigen ist auch noch keine Entscheidung darüber gefallen, wie es weitergehen kann.» Einige seien zudem mit hohen Nachzahlungen konfrontiert.
Der Schritt der Kirchgemeinde hat Folgen nicht nur für das religiöse Leben in der Stadt, er trifft auch kulturelle Angebote. In der kalten Jahreszeit werde es bis auf weiteres keine Konzerte mehr mit professionellen Musikern in der Petrikirche geben können, so Manneschmidt. Denn dafür sei in der Regel vertraglich eine bestimmte Mindesttemperatur festgelegt. «Die ganze Entwicklung bedeutet nach dem Kulturhauptstadtjahr natürlich einen tiefen Einschnitt in der Kulturlandschaft der Stadtgesellschaft.» Über diese Probleme hatte zunächst die «Freie Presse» berichtet.
Dem Landeskirchenamt sei das Problem erst seit kurzem bekannt, so eine Sprecherin. Es habe erste Beratungen dazu gegeben, informiert sie und betont: «Eine kalte Kirche ist per se kein Grund, dort keinen Gottesdienst zu feiern.»
Dicke Pullis und Decken statt Heizung?
Auch andernorts bereiten gestiegene Energiepreise Kirchgemeinden Sorge, wie Susanne Sobko von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf Anfrage informiert. Sie umfasst vor allem Gemeinden in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Problematisch sei das aber weniger bei den Kirchen, sondern bei anderen Gebäuden, die intensiver genutzt werden wie etwa Gemeindehäuser.
«In der EKM werden eher wenige Kirchen klassisch, also mit Raumheizung, beheizt», erläutert Sobko. Das betreffe weniger als fünf Prozent der Kirchen. Alternativ gebe es in manchen Kirchen Heizkissen oder es würden Decken zur Verfügung gestellt. Auch wüssten die Besucherinnen und Besucher der Gottesdienste um die Temperaturen in den Kirchen und kleideten sich entsprechend warm. Bei besonders eisigen Temperaturen könnten auch wärmere Gemeinderäume für Gottesdienste genutzt werden. «Aber die Kirchen werden bevorzugt, da wird Kälte in Kauf genommen.»
«Generell ist eine geheizte Kirche sicher angenehm», konstatiert der Sprecher des Bistums Dresden-Meißen, Michael Baudisch. «Katholische Christen sind es aber durchaus gewohnt, in der kalten Jahreszeit die Messe gegebenenfalls wärmer gekleidet mitzufeiern.» In der Basilika Wechselburg etwa gebe es gar keine Heizung. Auch in anderen Gotteshäusern könne es im Winter schon einmal frisch werden. «Einen Gottesdienst deshalb ausfallen zu lassen, gilt dennoch nicht als Option.»
Die hohen Heizkosten zwingen auch Gemeinden in Chemnitz dazu, über Alternativen nachzudenken. Ob Gottesdienste im Winter künftig in unbeheizten Kirchenräumen gefeiert werden - eben dann mit wärmerer Kleidung und Decken - werde sich zeigen, erklärt Superintendent Manneschmidt. «Da gibt es in den Gemeinden noch keine Erfahrungen und auch noch keine Entscheidungen.» Auch seien Bankheizungen oder Heizstrahler eine Variante. Das sei aber keine Lösung für Konzerte, weil es für Orchester warme Luft im Altarraum brauche. Und das Umrüsten auf andere Energieformen wie Flüssiggas bedeute größere Baumaßnahmen und hohe Investitionen.
Findet sich noch eine Lösung?
Der Energieversorger Eins begründet die neuen Tarife auf Anfrage mit dem Umstieg von Kohle auf Erdgas in der Wärmeerzeugung. Die Preisblätter seien vom Kartellamt geprüft und als rechtskonform und angemessen bewertet worden, betont eine Sprecherin. Doch räumt sie ein, dass Kirchen eine besondere Wärmenutzungsstruktur hätten mit hohen Anschlussleistungen bei vergleichsweiser kurzer Nutzungsdauer. Das Unternehmen stehe «in intensivem Austausch mit den Kirchen», um eine Lösung zu finden, versichert sie. Details zu konkreten Angeboten wollte sie jedoch nicht nennen.
Ostern will die Gemeinde St. Petri-Schloß trotzdem feiern, wenn auch anders als in den Jahren zuvor - nämlich ausschließlich in der beheizten Schloßkirche. Dann müssen die Gläubigen nicht bibbern beim Beten. In der zentral gelegenen Petrikirche werden erst später wieder Gottesdienste gefeiert.
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten